30 Jahre später

Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, ein Schicksalsschlag, der unwiderruflich das Ende der DDR-Diktatur einleitete. Knapp ein Jahr später, am 3. Oktober 1990 führten die folgenden Entwicklungen eines Unrechtsstaates, der die DDR eindeutig war, zur deutschen Wiedervereinigung.

Zur Erinnerung: Im August 1961 wurde in Berlin die Mauer gebaut, dies mit einer Gesamtlänge von 155 Kilometern rund um Berlin. Hinzu kam eine 1400 kilometerlange innerdeutsche Grenze, die beide Staaten trennten. Ganz sicher kein „antifaschistischer Schutzwall“, wie die DDR stets propagandisch verkündete, oder gar von der SED als Friedenswall bezeichnet, sondern es war eine unmenschliche Freiheitsunterdrückung, um eine Flucht von DDR-Bürgern in den Westen zu verhindern. Hier, als auch an der Berliner Mauer fanden Hunderte von DDR-Flüchtenden den Tod.

Vorausgegangen waren vor dem 9. November 1989 viele friedliche Demonstrationen, dazu gehörten nicht nur die Leipziger Montagsdemonstrationen, insbesondere am 9. Oktober 1989 mit über 70.000 Demonstranten über den Innenstadtring bis hin zur Stasi-Zentrale, sondern dazu gehörten auch Demos  in kleinen Städten von Neuruppin bis nach Forst (bei Cottbus). Die größte Demonstration in der Geschichte der DDR fand am 4. November 1989 mit über 500.000 friedlich demonstrierten Bürgern auf dem Berliner Alexanderplatz statt. Die SED und das Politbüro versuchte mit verschiedenen Ansätzen, die eine gewisse Reiselockerung vorsahen, Herr der Lage zu werden. Alles kam viel zu spät, und wurde zudem halbherzig und nicht konsequent umgesetzt. Alle Bemühungen konnte die Bürger nicht mehr aufhalten, dem totalitären System den Rücken zu kehren.  

Die Brisanz und die Folgeerscheinungen des vom 8. auf den 9. November ausgearbeiteten neuen Reisegesetze des SED-ZK wurde von den führenden SED-Politkern verkehrt engeschätzt.  

Am 9. November 1989 gegen 19:00 Uhr kam es dann zu der missverstandenen Aussage in der von Günter Schabowski geleiteten Pressekonferenz. Hier teilte er den anwesenden Journalisten mit, dass ab sofort Westreisen für Jedermann möglich seien. Die Regelung war ursprünglich als Richtlinie für die ständige Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland (ohne Recht auf Rückkehr) gedacht. Sie sollte den anhaltenden Ausreisestrom über die Tschechoslowakei stoppen. Die historische Aussage zur ständigen Ausreise von Günter Schabowski lautete: „Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. … Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt … Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh ist das sofort, unverzüglich.“

Beabsichtigt war seitens des Zentralkomitees (ZK) hingegen, dass Reisen am morgigen Tag (am 10. November) beantragt werden konnten. Durch diese Fehlinterpretation von Günter Schabowski löste es eine unaufhaltsame Kette von Ereignissen aus. Innerhalb weniger Stunden vom 9. auf den 10. November, strömten Tausende von DDR-Bürgern am Grenzübergang der „Bornholmer Straße“, und am Brandenburger Tor, über die nun offene Grenze. Es gab zudem keine klaren Anweisungen für die verantwortlichen DDR-Offiziere an den Grenzübergängen, um den zu bewältigendem Ansturm von DDR-Bürgern in den Westen zu stoppen. Die politische und militärische Führungsspitze von SED und der NVA traten in dieser Nacht nicht mehr in Erscheinung.

Nie sollte man vergessen, dass es – für Deutschland ungewöhnlich – eine über Monate anhaltende friedliche Demonstrationen waren, ausgelöst durch den Freiheitswillen der DDR-Bürger. Es hätte auch alles anders kommen können, denn kurz nach Mitternacht vom 9. Auf den 10. November wurden um 00:20 Uhr 30.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt. Da in der Nacht weitere Befehle ausbleiben, stellten die Kommandeure der Grenzeinheiten die Maßnahmen auf eigene Verantwortung ein. Auch nicht zu vergessen, die Ereignisse vor dem 9. November 1989 waren auch eine Folge der Glasnost- und Perestroika-Politik des damaligen UDSSR-Präsidenten Michail Gorbatschow. Und am Nachmittag des 10. November 1989 betonte der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse vor der Presse: „Wir betrachten die „Ereignisse „in der DDR als eine ureigene Angelegenheit ihrer neuen Führung und ihres Volkes, und wünscht ihnen dabei vollen Erfolg.“

Im Klartext: Die UDSSR hatte die DDR als vorherigen stets treuen DDR-Vasallen aufgegeben. Die Folge: Am 3. Oktober 1990 ist Deutschland nach 45 Jahren Trennung durch den „Eisernen Vorhang“ wieder vereint.

Es war letztlich ein ungeheuerlicher Vorgang, wie er in der Geschichte ungewöhnlich war, und ausschließend dem Freiheitsdrang der DDR-Bürger(-innen) zu verdanken ist. Zudem sollte man das Schicksal jener DDR-Bürger nicht vergessen, die bei ihrer Republikflucht an der Landesgrenze gen Westen und an der Berliner Mauer, den Tod fanden. „Wer in Berlin heute an der Gedenkstätte mit den über 100 erschossenen Republikflüchtigen – mit Namen und den jeweiligen Fotos – steht, empfindet Trauer und Niedergeschlagenheit in Erinnerung an Jene, die ihren Weg in die Freiheit mit dem Leben bezahlten. Auch sollten wir die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft nicht vergessen, die nicht nur an der Berliner Mauer ihren Drang nach Freiheit mit dem Leben bezahlten. Für mich hat der 9. November 1989 symbolisch annähernd die gleiche historische Bedeutung, wie der 8. Mai 1945, als das sinnlose Töten mit den Millionen gefallener Soldaten, auf allen Seiten, sein Ende fand“, betont der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Jens Ahnemüller mit Nachdruck. Wer heute in die neuen Bundesländer reist, wird durchaus konstatieren müssen, dass sich trotz mancher anhaltender Wirtschaftsverhältnisse in einigen ostdeutschen Regionen, sich vieles zum Besseren gewandelt hat. Man muss jedoch zugleich anmerken, dass viele DDR-Bürger heute noch kritisch anmerken, und dies zu Recht, dass ihnen das westdeutsche politische System nach 1989 einfach übergestülpt worden ist. Sie wollen jedoch kein „Anhängsel“ der alten Bundesrepublik Deutschland sein, sie wollen selbst bestimmend, gleichwertig neben den westdeutschen Bundesländern stehen. Insofern ist es auch verständlich, dass die Bürger(-innen) der neuen Bundesländer eine nachvollziehbare kritische Einstellung gegenüber den etablierten „West-Alt-Parteien“ haben. Verstehen heißt aber auch, und dies sind keine Einzelbeobachtungen, dass wir im Westen ein tieferes Verständnis für das Verhalten der Bürger in den ostdeutschen Bundesländern zeigen sollten. Man ist bei Besuchen gen Osten oft erstaunt, welches Wissen ostdeutsche Bürger über die Verhältnisse in den westdeutschen Bundesländern haben.

Es wäre deshalb wünschenswert, wenn man im Westen Deutschlands das gleiche Verständnis und Toleranz gegenüber unseren ostdeutschen Mitbürgern zeigt, wie es die ostdeutschen Bürger uns im Westen gegenüber an den Tag legen. Erst dann wird eine gelebte redliche Wiedervereinigung vollendet sein. Insofern sind auch ostdeutsche Wahlergebnisse zu akzeptieren, ohne Schuldzuweisungen an die AfD-Wähler in den neuen Bundesländern. Nicht ohne Grund hat die AfD einen immensen Zulauf. Eine Art Überheblichkeit westdeutscher Politiker gegenüber Andersdenkenden im Osten, sollte unter der Prämisse der Meinungsfreiheit baldmöglichst ausbleiben. Nur so lässt sich die Vereinigung nach der Wende 1989 wirklich vollziehen. Toleranz und Verständnis bleiben dabei die Schlüsselworte, alles Andere führt nur zu einer Vertiefung der ost-westdeutschen Gräben, die in etlichen Bereichen noch nicht überwunden sind.

November 9, 2019

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